anti-atom Nico | 21. Mai 2008 06:09 pm
Die “Renaissance” der Atomkraft
Raimund Kamm hat einen Leserbrief zum Thema “Renaissance der Atomkraft” geschrieben. Ich finde die Zahlen sehr interessant und poste ihn deshalb mal hier…
Der für die Süddeutsche Zeitung sowie für eine PR-Agentur schreibende Journalist Andreas Oldag behauptet, die Atomkraft feiere weltweit eine Renaissance. Gott sei Dank widerlegen dies die Fakten, wie sie bei der Internationalen Atomenergieorganisation nachzulesen sind:
Im Jahr 2002 waren weltweit 438 AKW in Betrieb und 36 in Bau. Im Mai 2008 sind 439 AKW in Betrieb und 34 in Bau. Wahrlich keine Renaissance!
Vor Jahrzehnten wurden manchmal über 30 AKW in einem Jahr ans Netz gebracht. Im Jahr 2004 waren es fünf, im Jahr 2005 waren es vier, im Jahr 2006 waren es zwei und im Jahr 2007 waren es drei. Im Jahr 2008 wurde bisher weltweit mit einem AKW-Bau begonnen und noch kein neues AKW ans Netz gebracht.
In Indien laufen übrigens die Kernkraftwerke seit vielen Monaten mit stark verminderter Leistung, weil Uran fehlt. Und: Fast alle derzeit auf unserer Erde in Bau befindlichen Kernkraftwerke werden in nicht demokratischen Ländern oder mit staatlichen Subventionen errichtet.
am 18. Jun 2008 um 13:16 Uhr 1.Dr. Hans-Bernd Neumann sagt …
Ich habe den Eindruck, dass die Anti-Atom- Bewegung in einer Inhaltlichen Krise befindet und Pro-Atom wieder Hoffähig wird. Dabei denke ich, dass die Ganze Atomproblematik auf der Falschen Ebene diskutiert wird nämlich der technischen Ebene. Die Entdeckung der Kraft des Atomkernes geht einher, dass mit Anfang des 20. Jhrdt Möglichkeiten eröffnet wurden eine ganz neu die Welt denkend zu durchdringen. Die Menschheit macht eine Bewußtseinsschritt vom logischen zum translogischen Denken. Im Beigefügten Artikel beschreibe ich den Schritt ausführlich und analysiere die Folgen für den Umgang mit der Nuklearenergie.
Ich bin ausgebildeter Physiker und Pfarrer der Christengemeinschaft!
Hier der ausführliche Text:
Hans-Bernd Neumann
Die Entdeckung der »Logik hinter der Logik«
Der Philosoph Ken Wilber hat beschrieben, dass sich das menschliche Bewusstsein nicht kontinuierlich sondern in Sprüngen oder Stufen entwickelt. Eine grobe Vereinfachung dieses Entwicklungsmodells ist dreistufig. drei Stufen entwickelt (streichen).
Bevor der Mensch ein rationales Verstandesdenken ausbildet, befindet er sich in einem „prärationalen“ d.h. „vor-Verstandes“-Bewusstseinszustand. Die Welt erscheint ihm „verzaubert“. Hinter allen Erscheinungen und Ereignissen in der Welt des Sinnlichen vermutet er mythische, magische Ursachen, Naturgeister oder Gottheiten. Beim einzelnen Menschen ist dies der Zustand vor dem dritten Lebensjahres in der Menschheit ist dies die Epoche, die vor der Antike liegt.
Mit der rationalen Verstandeslogik beginnt der Mensch, die Naturgesetze zu verstehen, ohne einen Mythos oder Zauber zu vermuten. „Pan ist tot!“ – es lebe der Verstand. Seit der Antike hat die Menschheit als Ganzes diese Verstandeslogik ausgebildet und bis auf den heutigen Tag immer mehr verfeinert. Die Anwendung von ‚Technik’ ist ein Folge dieser Art zu denken.
Mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts vollzieht die Menschheit nun einen neuen Schritt in der Bewusstseinsentwicklung. Wilber nennt diesen neuen Zustand „transrational“. Einzelne Persönlichkeiten hatten diesen Schritt schon zuvor vollzogen, aber die Menschheit als ganze kulturschaffende Gemeinschaft macht diesen Entwicklungsschritt zwischen 1900 und 1930 durch. In der Einzelbiographie kann der Mensch etwa ab dem 20. Lebensjahr diese Sphäre des Bewußtseins ausbilden.
Bisher galt in der rational gebildeten Menschheit das Gesetz des „Entweder – Oder“, des „Richtig – Falsch“ oder des „Subjekt – Objekt“. Anfang des 20. Jahrhunderts merkte man Kunst, Naturwissenschaften und Religion also in allen Bereichen der Kultur, dass es Grundwidersprüche gibt, die sich nicht auf ein Richtig oder Falsch reduzieren lassen. Er wird erlebt, dass der Beobachter existenzieller Teil des Systems ist, welches er beobachtet. Die Welt zerfällt damit nicht in ein „Entweder – Oder“, sondern in ein exaktes „Sowohl als Auch“. Von der Art, wie die Natur befragt wird, hängt es ab, ob sie mehr in Richtung des einen oder des anderen Pols antwortet.
Gerade in der Physik wird dieses neue Bewusstseinszeitalter der Menschheit bestätigt. Seit Newton und Huygens wurde immer wieder gefragt, ob das Licht aus Teilchen oder Wellen besteht: ein „Entweder-Oder“-Problem. Indem Niels Bohr den Begriff der Komplementarität in die Physik einführt und sein Schüler Werner Heisenberg zeitgleich die Unschärferelation entdeckt, wird das Problem der Dualität von Teilchen und Welle auf einer höheren Eben gelöst. Je nachdem, wie der Experimentator den Versuch ausrichtet, antwortet die Natur eher als Welle oder mit der für Teilchen typischen Charakteristik. Für die Verstandeslogik bleibt das Problem ungelöst. Erst die „Logik hinter der Logik“, die „Trans-Logik“ vermag die Lösung zu erkennen und zu verstehen. Ein wesentliches Merkmal des translogischen Bewusstseins ist die Erkenntnis, dass der Beobachter Teil des Experimentes ist. Die Quantenphysik kann nur verstanden bzw. angewandt werden, wenn die Einflussnahme des beobachtenden Menschen mit berücksichtigt wird.
Der einzelne Mensch hat nun die Aufgabe diesen Schritt als Individuum nachzuvollziehen, den die Menschheit als Ganzes am Anfang des 20. Jahrhundert gegangen ist, wenn er die Moderne verstehen und handhaben will. Dies berührt auch das Problem der Anwendung der Atomkraft.
Radioaktivität und unser Bewusstsein
Verfolgt man heute Diskussionen über die Nutzung der Kernenergie, wird in der Regel nur das technische Machbarkeitsproblem behandelt. Technische Diskussionen basieren aber allein auf der Verstandeslogik. Diese Logik ist unzureichend für die Anwendung einer Naturkraft, die sich grundsätzlich nicht allein mit der Verstandeslogik verstehen lässt. Erst die „Logik hinter der Logik“ kann die Probleme verstehen, welche mit der Nutzung der Kernenergie auftreten.
Die Wirkung der Radioaktivität auf den lebendigen Organismus wird Radiotoxologie genannt. Dieser Begriff ist der Chemie des 19. Jahrhunderts entlehnt. Er suggeriert zwei Dinge: Erstens: Eine toxische, d.h. giftige Substanz könne durch ein Gegengift unwirksam gemacht werden, zweitens: Das Gift wirke erst als Gift ab einem gewissen Schwellenwert. Beide Aussagen sind für die Wirkung von Radioaktivität falsch. Erstens: Gegen die Wirkung von Radioaktivität gibt es kein Mittel außer der Vermeidung. Zweitens: Es gibt keinen Schwellenwert, ab dem Radioaktivität tödlich wirkt. Jede radioaktive Bestrahlung von Organismen kann tödlich Folgen haben; es ist eine Frage der Wahrscheinlichkeit, die mit Strahlendosis wächst, ob dieses Ereignis eintritt oder nicht.
Ähnlich irreführend sind viele andere Begriffe im Umkreis der Kernenergie. Wir sprechen von Kontamination, wenn ein Gegenstand mit einem Stoff behaftet ist. Dieser Begriff wird auch im Umgang mit der Radioaktivität verwendet, ist aber wie der Begriff der Radiotoxologie irreführend. Liegt auf einem Tisch ein Gift, so ist dieser mit dem Gift kontaminiert. Wird das Gift vom Tisch entfernt, so ist dieser ‚dekontaminiert’. Für radioaktive Substanzen gilt diese einfache Regel nicht. Liegt eine radioaktive Substanz auf dem Tisch, so wird der Tisch mit der Zeit selbst mehr und mehr radioaktiv. Entfernt man die radioaktive Substanz, so darf nicht mehr von Dekontamination gesprochen werden, denn nun ist der Tisch ja selbst radioaktiv.
Dies hat erhebliche Folgen für die Lagerung radioaktiver Substanzen, insbesondere stark strahlender Neutronenstreuer wie „abgebrannte“ (ebenfalls ein irreführender Begriff aus der Chemie) Uranbrennstäbe aus Kernkraftwerken. Der Behälter, in dem ein solcher stark strahlender Gegenstand aufbewahrt wird, wird mit der Zeit selbst radioaktiv. Daher kann es nur „Zwischenbehälter“ wie den „Castor“ geben. Seinen Bruder „Pollux“, der die Radioaktivität endgültig abschirmt, wird es aus grundsätzlichen Gründen nie geben können.
Das Unwort des 20. Jahrhunderts im Umgang mit der Radioaktivität ist „Endlager“. Es gaukelt uns vor, man könne eine radioaktive Substanz für alle Zeiten aus dem Zugriffsbereich des Menschen verschwinden lassen. Dies ist aber unmöglich. Wir wissen nicht genau, wie die Lagerstätten in zwanzig, fünfzig oder gar hunderttausend Jahren aussehen werden1. Darüber hinaus ist ein noch viel schwerwiegenderes Problem die Tatsache, dass der Mensch heute weiß, wo sich diese Lagerstätten befinden. Wie will man heute verhindern, dass irgendwann in der Menschheitszukunft irgendjemand an den entsprechenden Stellen gräbt und dann die Katastrophe über die Menschheit bringt? Im Umgang mit der Radioaktivität müssen wir uns angewöhnen, in Zeitskalen zu denken, die weit über die Zeitspanne eines Menschenlebens hinausreichen.
Das Phänomen Radioaktivität ist also nicht zu entkoppeln vom Menschen. Überall, wo heute Radioaktivität erscheint, muss ganz genau geschaut werden, wie es um das menschliche Bewusstsein bestellt ist, das diese Radioaktivität begleitet.
In neuen Zeitskalen denken
Wir sprechen von Sekundärfolgen radioaktiver Exposition, wenn Menschen nach einer Verstrahlung Krebs oder Leukämie bekommen. Darüber hinaus sprechen wir von Sekundärfolgen, wenn das Erbgut verändert wird. Genetische Veränderungen treten gehäuft erst in der dritten bis fünften Generation nach einer radioaktiven Bestrahlung auf. Dies wissen wir aus Experimenten mit Säugetieren, die sich schneller reproduzieren als der Mensch. Für uns bedeutet dies: Wir leben heute in der Zeit, da genetische Erbschäden gehäuft zu erwarten sind in den Familien, deren Urgroßeltern in Hiroschima, Nagasaki oder Nevada verstrahlt wurden. Die massiven Erbschäden von Tschernobyl in Weißrussland und der Ukraine werden auf die Menschheit erst zum Jahrhundertende zukommen. Bereiten wir uns schon genügend auf diese Problematik vor?
Unser rationaler Verstand denkt nur in Größenordnungen von maximal einer Generation. Transrationales Bewusstsein weiß, dass Ereignisse in der Welt weder räumlich noch zeitlich voneinander abgegrenzt sind. Alles hängt mit allem zusammen. Daher versucht das transrationale Bewusstsein, große Zeitskalen zu überschauen, und weiß, welche Anstrengungen damit verbunden sind.
Sicherheitskonzepte und der Mensch
Die Sicherheitskonzepte von Atomanlagen sind heute äußerst komplex und raffiniert. Alle diese Konzepte schließen aber einen wesentlichen Faktor aus: den Menschen. Es ist gerade ihr Ziel, den menschlichen Faktor herauszuhalten, da dieser als unberechenbar gilt. Diese Haltung wird aber dem kernphysikalischen Prozess nicht gerecht. Kernenergie ist eine ganz neue und eigenständige Naturkraft, die, wenn überhaupt, nur mit einem besonderen Bewusstsein beherrscht oder begleitet werden kann und muss. Der kernphysikalische Prozess steht in einem Zusammenhang mit dem Menschen, der diesen Prozess führt oder begleitet. Ein Sicherheitskonzept einer kernphysikalischen Anlage, die bewusst den Faktor Mensch ignoriert und damit ein translogisches System auf ein rein logisches Problem reduziert, ist dem System nicht entsprechend und damit ungenügend. Sellafield, Harrisburg, und Tschernobyl sind deutliche Hinweise. Jeweils kam es aus menschlichem Versagen zur Katastrophe. Hingegen wurde im schwedischen Forsmark am 25. Juni 2006 durch regelwidriges Eingreifens eines Technikers ein GAU verhindert.
Probleme mit der Anwendung neuer Techniken, die auf Grundlage der modernen Quantenmechanik und Chaostheorie basieren, entstehen dort, wo sie von Menschen genutzt werden, die nur die einfache Verstandeslogik ausgebildet haben. Derjenige, der die Probleme versteht, hält sich mit Urteilen wie „so etwas ist unmöglich“ oder „so etwas kann bei uns nicht passieren“ bei der Bewertung von Risiken zurück: Der Translogiker hingegen weist in seiner Argumentation auch auf die moralischen Dimensionen der modernen Techniken und ihren Zusammenhang mit dem Menschen hin. Ihm ist bewusst, dass der Mensch der wesentliche Faktor im System ist und nicht nur eine beobachtende Randgestalt. Ob die Menschheit irgendwann einmal in der Lage sein wird, die Kerntechnik anzuwenden, sei dahingestellt. Zur Zeit sind wir weit davon entfernt, behaupten zu dürfen, wir könnten die Kernenergie sicher anwenden. So lange die Fragen der Kernenergie auf rein technische Probleme reduziert werden, darf man sie nicht weiter anwenden.